Ab und zu die Flasche geben? Warum es auch anders geht.

Happy Family - Eifel-Stillberatung

Ab und zu die Flasche geben? Warum es auch anders geht. Ich erkläre es euch gerne

23.04.2018 (aktualisiert 2026)

veröffentlicht von: Andrea Böttcher,

Kinderkrankenschwester

Fachkraft für Stillförderung, Laktationsberaterin, Stillbeauftragte für die Klinik

Referentin für Stillen und Säuglingsnahrung

Die Aussage höre ich bereits im Stillinfoabend immer wieder und auch viele Mütter scheinen davon überzeugt zu sein, dass diese Vorgehensweise richtig und sinnvoll bzw. notwendig ist. 

Als erstes möchte ich sagen, dass ich nicht vorhabe, hier irgendeine Entscheidung zu kritisieren. Wir Menschen treffen in jedem Augenblick neue Entscheidungen aufgrund einer aktuellen Situation: Stillen, Flasche füttern, Abpumpen etc. sind nur wenige Punkte, zu denen sich jede Frau immer wieder neu entscheiden muss. Und egal wie ihr euch entscheidet, für euch in diesem Augenblick ist diese Entscheidung richtig.

Daran gibt es gar nichts zu meckern. Die Frage ist eher eine andere: Ist es nötig, ein Stillkind an die Flasche zu gewöhnen? Was passiert eigentlich, wenn Mama mal nicht stillen kann - und wann tritt dieser Fall überhaupt ein?


Wann kann eine Frau wirklich in eine Situation kommen, in der sie nicht stillen kann?

Erkrankung

Bei den meisten Erkrankungen ist es heute möglich, stillfreundlich zu therapieren.

 

Evidenz: Laut Embryotox (Charité Berlin) sind die meisten gängigen Medikamente in der Stillzeit kompatibel, wenn sie korrekt ausgewählt werden. Ärzt*innen können dort jederzeit stillverträgliche Alternativen prüfen.

Das Bedeutet: Es gibt sehr viele Medikamente, die auch in der Stillzeit bei entsprechender Indikation eingenommen werden dürfen. Wenn sich ein Arzt nicht sicher ist, welche stillfreundliche Alternative es zu einem Präparat gibt, kann er sich unkompliziert bei embyotox.de (auch telefonisch) oder unter reprotox.de informieren und beraten lassen.

Und auch sonst darfst du in der Regel ganz normal weiterstillen. Einschränkungen gibt es nur in wenigen Fällen. Zum Beispiel darf das Kind mit Läsionen bei einer Herpesinfektion nicht in Kontakt kommen, ggf. kannst du bei einer Herpesinfektion der Brust also diese bis zum Abheilen nicht stillen. Auch eine Gürtelrose kann hier Kreativität beim Anlegen erfordern.

Selbst Stillpausen, in denen die Muttermilch abgepumpt und verworfen werden muss, sind heute medizinisch nur noch selten notwendig. 


Operationen

 

Auch bei anstehenden Operationen von Mutter oder Kind ist ein Stillen meist möglich.

 

Evidenz: Die ABM (Academy of Breastfeeding Medicine) betont in ihren Protokollen, dass Stillen nach Narkosen in der Regel sicher ist, sobald die Mutter wach und stabil ist. Viele Anästhetika gehen nur in minimalen Mengen in die Muttermilch über.

Wichtig ist hier, dass Chirurgen und Narkoseärzte über das Stillen informiert sind und entsprechende Verfahren bzw. Medikamente wählen können.

 

Selbst bei einer Operation an der Brust während der Stillzeit kann im Regelfall auch an dieser Seite weiter gestillt werden. Wichtig ist nur, dass das Kind nicht mit der Wunde in Berührung kommt. Und selbst wenn das Stillen an der operierten Seite nicht möglich ist, kann an der anderen Seite ganz normal angelegt werden. Die Milchbildung passt sich dem Bedarf an – auch mit „nur einer Brust“ kann ein Kind voll gestillt werden. Schließlich würden sonst alle vollgestillten Zwillinge oder Drillinge verhungern!

 

Sobald die operierte Seite wieder normal angelegt wird, reguliert sich die Milchbildung in der Regel auch wieder. Ggf. kann es zu einer geringeren Milchbildung oder einem schlechteren Milchfluss kommen – abhängig vom Grund der Operation.

Viele Krankenhäuser nehmen gestillte Babys bei Bedarf mit auf. So kann eine Trennung vermieden werden. Eine Begleitperson ist hier oft hilfreich.


Mama außer Haus

Wenn du wieder arbeiten gehst oder für längere Zeit außer Haus bist, solange du noch stillst, kommen viele Fragen auf. Die erste Überlegung ist: Wie lange bist du weg und müsste dein Kind in dieser Zeit gestillt werden?

Wenn ja, stellt sich die nächste Frage: Wie wird dein Kind gefüttert - und vom wem?

Besonders am Anfang empfiehlt es sich, dass immer dieselbe Person das Füttern übernimmt. Je jünger das Baby, desto wichtiger ist eine konstante Bezugsperson.

Wenn Du länger als drei Stunden außer Haus bist, wird Dein Kind vermutlich Hunger bekommen. Möglichkeiten sind:

  • Kind zum Stillen bringen lassen

  • selbst kurz nach Hause fahren

  • abpumpen und füttern lassen

Je jünger das Kind ist, desto mehr muss es das richtige Saugen erst erlernen.

Evidenz: Studien zeigen, dass unterschiedliche Saugtechniken an der Brust, Flasche und Schnuller zu Saugverwirrung führen Können (ABM Clinical Protocol #3)

Daher empfiehlt sich bei kleinen Babys in den ersten 6-8 Wochen oft eher der Becher, Löffel oder eine Spritze statt Flasche. Und wenn es die Flasche sein soll, gilt: bindungsorientiertes Füttern. 

Viele Kinder holen die Zeit, die Mama außer haus ist, später nach - auch nachts. Das ist normal und kein Zeichen für "schlechten Schlaf"

Du kannst außerdem den natürlichen Rhythmus deines Kindes nutzen: Stille vor dem Weggehen noch einmal ausgiebig. Viele Kinder trinken alle 2-3 Stunden. Manche warten sogar lieber 3-4 Stunden auf Mama, als sich von jemand anderem füttern zu lassen. Die Entscheidung trifft dein Kind. 


Notfall

Dass ein Notfall eintritt, der Mama und Baby länger trennt, ist zum Glück selten. In solchen Situationen zählt vor allem: Was ist praktisch möglich? kann das Kind zur Mutter? Ist sie in der Lage zu stillen?

Und mal ehrlich: Niemand plant solche Situationen.

Und selbst wenn ein Kind grundsätzlich aus der Flasche trinken könnte, heißt das nicht, dass es das in einer emotional belastenden Situation auch tut. Babys spüren unsere Gefühle sehr deutlich. 


Mein Fazit:

Ist es nötig, ein Stillkind an die Flasche zu gewöhnen - für den Fall der Fälle?

Nein.

Ist es sinnvoll?

In deiner Situation: vielleicht.

Solltest du dich vorher beraten lassen?

Auf jeden Fall - Möglichkeiten und Alternativen ausloten. Ich berate euch auch zur alternativen Fütterung. Genauso wie zur Flaschenernährung inklusive Fütterposition und Saugerauswahl. 

Ist Zufüttern von Nahrung sinnvoll?

Nein, nur wenn medizinische Indikation besteht und das ist seltener als du glaubst.

Evidenz:

Die WHO und nationale Stillkommission empfehlen in den ersten sechs Monaten ausschließliches Stillen, sofern das Kind reif und gesund ist. Zufüttern reduziert die Milchmenge und ist nur medizinisch indiziert sinnvoll. 

Nach sechs Monaten kann - bei entsprechender Reife - eine Beikostmahlzeit die Stillzeit überbrücken, wenn Mama außer Haus ist. Oder du bietest Muttermilch alternativ gefüttert an. 

 

 

 

                                                              Liebe Grüße und bis bald,

                        

                                                                                               

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