Das Brusthütchen - ein Stillhilfsmittel als Fluch und Segen

10.Februar 2018

veröffentlicht von: Andrea Böttcher,

Kinderkrankenschwester

Fachkraft für Stillförderung, Laktationsberaterin, Stillbeauftragte für die Klinik

Referentin für Stillen und Säuglingsnahrung

Brusthütchen, dieses Wort höre ich leider derzeit bei jeder dritten stillenden Mutter. Es scheint momentan vollkommen egal zu sein wann, wo und wie die Frauen entbunden haben, irgendwie Stillen sie alle mit Brusthütchen.

 

Die einen nutzen es direkt seit Geburt, die anderen seit dem Milcheinschuss und immer höre ich nur im Krankenhaus hat man mir gesagt das geht sonst nicht, oder die Hebamme hat gesagt das schont die Brustwarzen, die waren schon so kaputt.


 

 So mal ehrlich:

Warum waren denn die Brustwarzen kaputt? Weil das Baby nicht korrekt angelegt war!

Warum hat das Stillen in der Klinik nicht geklappt? Weil das Personal vielleicht keine Zeit hatte, um eine richtige Stillberatung zu machen! Hat man dir gezeigt wie Du ein Brusthütchen richtig verwendest und was zu beachten ist? Vermutlich nein, ist ja nur mal eben schnell aufgesetzt und vermutlich hat auch niemand geschaut, ob die Größe stimmt.

 

Und das Wichtigste: Ist ein Brusthütchen eine Stillhilfe? „Jein“ es gibt strenge Indikationen für die Nutzung, aber sehr viel zu beachten.


Das Brusthütchen hilft Dir nicht besser anzulegen, sondern verschiebt das Problem nur auf einen späteren Zeitpunkt und verschlimmert die Situation oft noch. Falsch angewendet kann es zu Verletzungen der Brustwarze, Milchstau und im schlimmsten Fall Mastitis kommen. Oftmals reduziert sich auch die Muttermilchmenge. Abgesehen davon ist das Handling mit Brusthütchen zu stillen nicht unbedingt einfach und manchmal nicht wirklich praktikabel.

 

Brusthütchen sind nicht generell zu verfluchen, bitte verstehe mich nicht falsch. Es gibt Situationen, da ist es ein wirkliches Hilfsmittel und bevor eine Frau überhaupt nicht stillen kann, ist Stillen mit Brusthütchen die bessere Alternative!

 

Aber diese Fälle sind äußerst gering und auch meist von begrenzter zeitlicher Dauer, denn das Kind wächst und die Mundmotorik wird gekräftigt, die Stillsituation unterliegt ständigen Veränderungen. Da sollte man niemals sagen einmal Brusthütchen - immer Brusthütchen.

 

Bevor du ein Brusthütchen benutzt, melde Dich bei mir! Klinikpersonal und Hebammen fehlt es oftmals an Zeit und dem nötigen Hintergrundwissen. Oftmals zählt in Kliniken mehr das die Frauen stillen, als wie sie stillen und welche Konsequenzen das für zu Hause mit sich bringt.

 


Daher hier der Info Blog zum Thema Brusthütchen:

 

Was ist ein Brusthütchen?

Ein Brusthütchen ist ein Aufsatz für die Brustwarze aus

Silikon oder Latex. Das Brustschild gibt es in verschiedenen Formen (je nach

Hersteller), in der Mitte befindet sich ein meist konisch geformter Nippel mit

drei oder mehr Löchern, durch die Milch in den Mund austreten kann.

 

Wie funktioniert ein Brusthütchen?

Brusthütchen sind härter, fester und länger als die Brustwarze und bieten durch das Material eine stabile „Brustwarzenform“. Durch diese Eigenschaften imitieren sie eine sehr ausgeprägte Brustwarze und erzeugen so einen sehr hohen Saugstimulus beim Kind.

 

Besonders Kinder, deren Saugverhalten aufgrund von Erkrankungen, Frühgeburtlichkeit oder medikamentösen Einflüssen nach der Geburt beeinträchtigt sind, können hier profitieren und mit geringer Saugkraft Milch aus der Brust trinken.

 

Auch Babys die zuvor aus der Flasche getrunken haben, akzeptieren das Brusthütchen bei erneutem, bzw. anfänglichem Stillbeginn dann oftmals besser als die direkte Brust. Die Nippelform erinnert die Kinder an den Flaschensauger und die Milch ist besser verfügbar. Besonders wenn man das Hütchen bereits vor dem ersten Saugversuch mit Milch befüllt, wird das Kind direkt belohnt.

 

Allerdings können sich die Kinder auch auf das Brusthütchen prägen, eine Entwöhnung ist nach längerem Gebrauch meist schwierig und langwierig. Viele Kinder verweigern dann die „nackte“ Brust, weil es für sie mehr Kraft und Arbeit bedeutet.

 

Allerdings fehlt der nötige Saugstimulus direkt an der Brustwarze, bzw. je nach Form ist er insgesamt vermindert. Egal wie hauchdünn das Material ist, die Nerven in und um die Brustwarze herum werden deutlich weniger stimuliert, wenn Du ein Brusthütchen verwendest. Meist ist eine deutlich schlechtere Milchbildung die Folge.

 

Wann verwende ich ein Brusthütchen?

Ein Brusthütchen hat eine strenge Indikation:

  • Flachwarzen
  • Hohl-/Schlupfwarzen
  • Saugschwache Babys z.B. Frühchen oder Neugeborene mit Beeinträchtigung nach Geburt
  • Babys mit zu kurzem Zungenbändchen

 

Schmerzende, wunde, verletzte Brustwarzen sind eigentlich keine Indikation für ein Brusthütchen! Hier kann sich die Situation noch deutlich verschlechtern!

 

Wie sehen die unterschiedlichen Brustwarzenformen denn aus?

Wie wähle ich die richtige Größe?

Ja richtig gehört! Auch Brusthütchen haben unterschiedliche Größen. Standardmäßig wird wieder einmal Größe M ausgegeben, was für rund die Hälfte der Frauen nicht passend ist. Hinzukommt, das die Größen zwar von allen Herstellern nach konfektionierten Größen angegeben werden (S, M, L, X, XL) aber die Größen sind nicht in einheitlichen "mm"

Angaben.

 

Leider findet ihr auch auf keiner Verpackung und nur selten in Kliniken/Hebammenpraxen oder bei einer Stillberatung Infos darüber wie ihr die Größe überhaupt korrekt ermittelt geschweige denn, das jemand einmal nachmisst!

Korrektes ausmessen:

Nehmt ein Lineal oder Maßband und legt es mittig über die Brustwarze und messt den Durchmesser der Brustwarze ohne Vorhof in mm.

 

Messt bitte beide Brustwarzen, oft kommen unterschiedliche Größen dabei heraus, die

auch die Nutzung von unterschiedlichen Brusthütchen nötig machen! Auch muss etwa 2mm Zugabe gewährt werden, da die Brustwarze beim Pumpen anschwillt.


Wenn der Nippel zu weit hervorsteht und ihr das Lineal/Maßband nicht gerade auflegen könnt, dann messt darunter die Basis der Brustwarze wie oben beschrieben.

 

Allerdings, wenn der Nippel so groß ist, das er beim messen stört, ist fraglich ob ihr eine echte Indikation für ein Brusthütchen habt, von flachen Brustwarzen kann zumindest dann keine Rede mehr sein!

 

Welches Brusthütchen?

Da ihr nun die Größe wisst geht es jetzt um die Wahl des Brusthütchens. Allerdings möchte ich direkt sagen, das gerade bei sehr großen Brustwarzen meist kein wirklich passendes Brusthütchen gefunden wird!

 

Größenübersicht von Brusthütchen aus Silikon

Ardo: Tulip

M (20mm), L (24mm)

Avent

Klein (21mm), Standard (21mm)

Medela

S (16mm) M (20mm), L (24mm)

Lansinoh

Standard (24mm)

Mamivac konisch

S (18mm), M (20mm), L (28mm)

Mamivac kirschförmig

S (18mm), M(22mm)

Nuk

M (20mm), (L 24mm)

 

Wichtig ist das die Brusthütchen möglichst viel Hautkontakt, zwischen Baby und Brust, ermöglichen. Das ist entscheidend für Milchbildung und Milchfluss!

 

Und es passt vielleicht trotzdem nicht!

Für Eure Brustwarze ist die Größe des Konus an der Basis entscheidend, für Euer Kind aber die Länge des „Nippels“.

 

Denn wenn das Brusthütchen zu lang ist, löst es bei Eurem Kind einen Würgereiz und Erbrechen aus. Oder es passt nicht richtig in den Mund. Dann wird das Baby auch mit Brusthütchen auf Eurer Brustwarzenspitze herum „kauen“, weil es die Brustwarze nicht tief genug in den Mund einsaugen kann.

Das Baby drückt dann den Schafft des Hütchens mitsamt der Brustwarze viel zu weit vorne zusammen Folge: Schmerzen beim Anlegen, wunde oder verletzte Brustwarzen, schlechter Milchfluß.

 

Ist der Schafft zu kurz, kann sich die Brustwarze beim Stillen nicht zur vollen Länge ausdehnen. Bei manchen Frauen erreicht die Brustwarze gute 2cm Länge. Bei zu kurzem Schafft reibt die Brustwarzenspitze dann vorne am Hütchen; Verletzungen entstehen.

 

Ihr müsst mit der richtigen Größe also etwas bzgl. der Marken experimentieren, um das richtige Hütchen für Euch, Euer Baby und einen optimalen Milchfluss zu finden.

 

Woran erkenne ich die richtige Größe?

  • Ihr habt die Brustwarze ausgemessen und etwa 2mm Größenzugabe gewährt. (Die Brustwarze schwillt beim Pumpen an!)
  • Wenn ihr das Hütchen aufsetzt, ist die Brustwarze in der Mitte zentriert, ohne den Rand des Schaftes im Hütchen zu berühren.
  • Ihr habt beim Stillen keine Schmerzen, die Brustwarze wird nicht abgeknickt oder verformt.
  • Beim Baby wird kein Würgereiz ausgelöst.
  • Das Baby trinkt ruhig und gleichmäßig mit dem Brusthütchen.
  • Das Baby hat den gesamten Schafft im Mund, die Lippen liegen auf dem Brustwarzenschild/Vorhof der Brustwarze auf.

 

Was ist mit der Form und Material?

Ob Latex oder Silikon, das ist Geschmackssache. Silikon ist natürlich die Alternative bei einer Latexallergie.

 

Hier noch einige Unterschiede:

 

Latex/Naturkautschuk:

  • hitzeempfindlich: wird beim häufigen auskochen schnell porös oder klebt
  • gummiartigen Eigengeruch
  • sehr robust und beißfest
  • lädt sich nicht statisch auf (zieht kein Staub an)

Silikon

  • geschmacks- und geruchsneutral
  • temperaturbeständig
  • nicht so reißfest wie Latex
  • sehr glatte Oberfläche
  • bei Rißbildung sofort entsorgen, hier entstehen scharfe Kanten

 

Auch bei der Form habt ihr die Wahl:

Generell empfehle ich Euch folgendes:

Das Material sollte sehr sehr dünn sein. Das Brustschild sollte dabei so geformt sein, das es zwar halt bietet, aber möglichst viel Hautkontakt zwischen Babys Gesicht und Brust ermöglicht. Zur Milchbildung ist die Brust auf diesen Kontakt angewiesen, denn die Nervenzellen müssen merken das etwas passiert.

Je stärker der Stimulus an Brust und Brustwarze, desto besser sind Milchbildung und Milchfluss.

 

 

Wie lege ich mit Brusthütchen an?

Es gibt verschieden Möglichkeiten. Ein warmes Brusthütchen ist elastischer als ein kaltes. Ihr könnt die Hütchen also kurz anwärmen, z.B. einfach mit in den BH stecken. Bis Ihr und das Baby richtig in Position seit, ist das Hütchen auf Körpertemperatur!

 

Schlagt das Hütchen auf links um. Feuchtet das Brusthütchen innen etwas an, z.B. indem Ihr

einen Tropfen Muttermilch eingebt, etwas Wasser geht aber auch, so entsteht ein

Gleitfilm zwischen Brustwarze und Schafft, der die Reibung am Hütchen vermindert.

 

Zentriert die Brustwarze mittig im Schafft und schlagt das Hütchen beim Aufsetzen zurück. Die Brustwarze zieht sich dann bereits etwas in das Hütchen.

 

Oder

 

Ihr könnt auch, nachdem ihr den Schafft etwas angefeuchtet habt, das Brustschild hochschlagen und das Hütchen aufsetzen. Danach streicht ihr das Brustschild auf der Brust glatt.

 

Generell sollten gute Brusthütchen von alleine auf der Brustwarze bleiben, ohne per Hand fixiert zu werden.

Ein Anfeuchten des Brustwarzenschildes kann die „Klebeeigenschaften“ notfalls verbessern.

 

Was ist mit der Hygiene?

Generell, aber besonders im Krankenhaus sollte ein Brusthütchen nach jedem gebrauch gereinigt werden. In der Regel reicht folgende Vorgehensweise aus:

 

Erst das Brusthütchen mit kaltem Wasser abspülen, das entfernt Eiweiß, welches bei der Verwendung von heißem Wasser ausflockt und sich ggf. nicht gut entfernen läßt.

 

Dann erfolgt die Reinigung mit heißem Wasser (60°C) und etwas Spüli. Dabei das Hütchen

auch auf links schlagen und gründlich reinigen.

 

Im Anschluss mit klarem Wasser abspülen und auf einem sauberen Tuch abgedeckt trocknen lassen. Fertig!

 

Bei einem gesunden und reifen Neugeborenen brauchst Du nichts auszukochen! Ab und an auskochen schadet aber auch nicht. 😊

 

Hast du ein krankes Kind oder ein Frühchen, dann frage bitte das Klinikpersonal.

 

 

Und wie werde ich es wieder los?

Zur Beantwortung dieser Frage ist entscheidend, warum Ihr mit Brusthütchen gestillt habt und wie lange. Je kürzer die Zeitspanne war, desto zügiger geht eine Entwöhnung. Allerdings kann es recht lange dauern, ein Brusthütchen wieder loszuwerden. Hier ist viel Geduld erforderlich!

 

Möglichkeiten zur Entwöhnung:

  • Frühe Hungerzeichen beachten: wenn das Baby gerade erst dabei ist richtig wach zu werden, sich also noch im Halbschlaf befindet, akzeptiert es das Stillen direkt an der Brust ggf. besser.
  • Lass Dein Kind bis zum Milchspendereflex mit Brusthütchen trinken und ziehe es dann weg, die Brustwarze ist dann gedehnt und kann besser erfasst werden. Zudem läuft die Milch dann direkt weiter.
  • Versuche immer wieder die Brust ohne Brusthütchen anzulegen. Dein Kind wächst und entwickelt sich, dadurch verbessert sich auch die Mundmotorik.
  • Viel Hautkontakt ermöglichen und das Baby nackt auf Deine nackte Brust legen. Es wird versuchen die Brustwarze zu finden.

 

 

Es gibt immer wieder Leute, die empfehlen die Hütchen succsesive Abzuschneiden diese Methode würde ich nicht empfehlen. Besonders Silikonhütchen sind dafür ungeeignet. Durch das Abschneiden entstehen scharfe Kanten, die das Baby im Mund und auch die Brustwarze verletzen können.

 


 Mein Fazit:

Leider werden Brust- oder Stillhütchen viel zu häufig, ohne Vorliegen einer echten Indikation und mit unzureichender Beratung, angewand. Oft schon in Geburtskliniken, aber auch außerhalb, im häuslichen Bereich sind Stillhütchen besonders bei Zeitmangel das Mittel der Wahl. Und sollen dann als Ersatz einer guten Stillberatung dienen.

 

 

Bei einer echten Indikation kann ein Brusthütchen eine Stillhilfe sein. Falsch angewendet bzw. ohne Indikation ist es ein Stillhindernis, führt zur Beeinträchtigung der Milchbildung und ggf. zu Verletzungen und Erkrankungen an Brust und Brustwarze und schließlich dann oft zum vorzeitigen Abstillen. Eine Entwöhnung vom Brusthütchen funktioniert meist nur mit professioneller Hilfe einer Stillberaterin.

 

Natürlich ist das Stillen mit Brusthütchen besser als ganz abzustillen – allerdings sollten wir die wir beraten und die Frauen die beraten werden, immer fragen: Ist der Einsatz wirklich notwendig? Denn wenn es sich auf die Milchbildung auswirkt oder zu Verletzungen kommt, muss ich die „ersparte

Zeit“ doppelt und dreifach wieder investieren. Ist es das wirklich wert?

 

                                                                       Mit lieben Grüßen und bis bald,

Copyright © 2018 Andrea Böttcher


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